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24. Heiligabend – heil genug
Der Tag ist anders, aber nicht perfekt.
Emma kommt später als geplant, leicht außer Atem, die Wangen rot von der Kälte und den Gefühlen. „Sorry“, sagt sie, „der Zug hatte Verspätung.“
„Du bist da“, sagt Jonas nur, und umarmt sie. „Das ist das Wichtigste.“
Ein Auflauf gelingt nicht, wird im Ofen zu dunkel. „Dann gibt’s mehr Kartoffeln“, sagt Ben. „Schwarze Kruste ist eh nicht gesund.“
Ein Geschenk ist falsch eingepackt. „Ups“, lacht Lea, „Überraschung im Doppelpack.“
Niemand schreit. Es gibt Momente, in denen jemand genervt ist, in denen es kurz still wird, weil ein Satz wehtut. Aber immer wieder fassen Hände an rote Bändchen, atmen tief ein und aus.
Später sitzen sie auf dem Sofa. Der Baum leuchtet, die Kerzen brennen. Jonas legt das lange Stück des roten Bands, das noch übrig ist, wie einen Kreis um ihre Füße.
„Dieses Band war dieses Jahr unser Advent“, sagt Lea. „Es hat uns nicht vor Streit bewahrt. Aber es hat uns geholfen, wieder zueinander zu finden.“
„Ein letzter Adventsatem“, schlägt sie vor. „Einatmen – wir spüren uns selbst. Ausatmen – wir spüren die anderen neben uns.“
Im Bild: Die Familie in einer nicht perfekten, aber warmen Kuschel-Verknotung auf dem Sofa, ein bisschen schief, ein bisschen eng. Das rote Band liegt um ihre Füße, über Kreuz, durcheinander – und verbindet sie trotzdem.
„Die Welt war nicht heil.
Aber für diesen Moment fühlte sie sich heil genug an.
Und das Adventsband erinnerte sie daran,
dass Frieden nicht vom perfekten Weihnachten kommt,
sondern davon, wie sie miteinander umgingen –
einen Atemzug nach dem anderen.“
23. Der letzte Vorbereitungstag
Am 23. riecht die Wohnung nach Tannennadeln. Der Baum steht zwischen Sofa und Fenster, leicht schief, aber stolz.
Lina hat eine Kiste mit bunten Kugeln und Glitzersternen. „Heute ist mein Kitsch-Tag!“, ruft sie und hängt eine blinkende Schneeflocke in die Mitte.
Ben hat eine Handvoll schlichter Kugeln in Schwarz und Silber. „Damit es nicht ganz eskaliert“, murmelt er. Er hängt sie in die hinteren Äste, so dass man sie nur auf den zweiten Blick sieht.
Lea wickelt eine Lichterkette um den Baum, Jonas balanciert auf einem Hocker. „Nicht so weit oben!“, ruft Lina.
Emma packt zwischendurch ihre Tasche für den nächsten Tag, legt ein Buch, das rote Band und ihr Handy hinein, schaut immer wieder zum Baum.
Als sie fertig sind, machen sie das Licht aus. Nur der Baum leuchtet, schief, bunt, ein bisschen überladen, aber lebendig.
„Lasst uns alle hinsetzen und nur schauen“, sagt Lea.
Im Bild: Die Familie auf dem Sofa, in Decken gewickelt, der Baum leuchtet. Wer genau hinschaut, sieht an manchen Zweigen das rote Band, als hätten sie es mit hineingeflochten.
„Morgen wünsche ich mir…“, sagt Lina.
„…dass niemand schreit“, sagt Jonas.
„…dass ich nicht in zwei Hälften zerreiße“, sagt Emma.
„…dass die Zombie-Sterne nicht verbrennen“, sagt Ben.
„…dass wir uns erinnern, zu atmen“, sagt Lea.
22. Linas Angst vor kaputtem Weihnachten
Am Abend kommt Lina zu Jonas ins Wohnzimmer. Der Baum steht schon da, aber noch ohne Schmuck. Das Licht ist weich.
„Papa?“, fragt sie.
„Hm?“
„Was ist, wenn Emma morgen nicht rechtzeitig kommt?“, fragt sie. „Oder wenn jemand wieder schreit? Dann ist Weihnachten kaputt.“
Jonas setzt sich zu ihr auf den Teppich. „Weißt du“, sagt er, „Weihnachten geht nicht kaputt wie ein Glas. Es kann schief gehen, laut werden, chaotisch. Und trotzdem können darin Momente sein, die gut sind.“
Lina schaut skeptisch. „Aber ich will, dass es die ganze Zeit schön ist.“
„Ich auch“, sagt Jonas. „Aber vielleicht reicht es, wenn genug Momente schön sind.“
Lea kommt dazu, setzt sich ans Fensterbrett. „Kommt“, sagt sie, „wir machen eine Lichter-Safari.“
Sie setzen sich ans Fenster und schauen in die Nacht.
„Jede*r sucht fünf Lichter, die ihm gefallen“, schlägt Lea vor. „Und sagt, was daran schön ist.“
Im Bild: Drei Gesichter am Fenster, draußen Laternen, Lichterketten, beleuchtete Fenster. Kleine Sprechblasen mit: „Das da, weil es so warm aussieht“, „Das blinkende da, weil es kitschig ist“, „Das, weil es so ruhig leuchtet.“