Jonas steht vor Bens Tür. Die Musik dahinter ist laut. Er klopft trotzdem.
Keine Antwort.
„Ich komm nur kurz rein, okay?“, sagt er und steckt den Kopf durch die Tür.

Ben liegt auf dem Bett, das Handy in der Hand, die Kopfhörer um den Hals. „Was?“, knurrt er.
Jonas setzt sich auf den Schreibtischstuhl. „Ich würde gern mal wirklich zuhören“, sagt er. „Nicht erklären. Nur hören, wie es für dich war.“

Ben verzieht das Gesicht. „Kannst du eh nicht ändern.“
„Vielleicht nicht“, sagt Jonas. „Aber vielleicht ist es gut, dass ich’s weiß.“

Es dauert, bis die Worte kommen, erst abgehackt, dann fließender. „Es ist immer dasselbe“, sagt Ben. „Ich hab das Gefühl, wir sind hier so… Zusatzfamilie. Emma fährt hin und her, du willst es allen recht machen, Lea redet von Atmen. Aber ich hab Angst, dass ich am Ende der bin, der niemandem richtig wichtig ist.“

Jonas schluckt. „Du hast Angst, dass du nicht auf Platz eins stehst bei irgendwem“, wiederholt er. „Und dass du hinten runterfällst.“

Ben blickt überrascht. „Ja“, sagt er. „Genau das.“


Jonas widersteht dem Drang, sich sofort zu verteidigen. Stattdessen macht er eine kleine Pause, atmet hörbar ein und aus.
„Danke, dass du mir das gesagt hast“, sagt er dann. „Ich kann nicht versprechen, dass ich alles richtig mache. Aber ich verspreche dir, dass du wichtig bist. Auch wenn ich’s manchmal schlecht zeige.“

Im Bild: Zwei Figuren in einem Zimmer, viel Raum dazwischen – und ein dünner, roter Faden, der über den Boden liegt.

Lea klopft leise an Linas Tür.
„Nein“, kommt es dumpf aus dem Kissen.
„Ich würd mich einfach gern zu dir setzen. Ich sag erstmal nichts“, antwortet Lea.

Sie setzt sich auf die Bettkante, sagt tatsächlich eine Weile kein Wort. Linas Schultern zucken noch nach.

„Ihr sagt immer, ihr wollt, dass es schön wird“, schluchzt Lina irgendwann. „Aber ihr schreit doch immer wieder. Dann ist es wieder kaputt.“

Lea holt einen kleinen Schneemann aus Stoff vom Regal und legt ihn auf Linas Bauch. „Schau mal“, sagt sie. „Der Schneemann fährt Fahrstuhl. Hoch beim Einatmen, runter beim Ausatmen.“

Lina schnaubt halb lachend, halb weinend. „Das ist kindisch.“
„Ein bisschen“, gibt Lea zu. „Hilft’s ein bisschen?“

Lina beobachtet den Schneemann, wie er sich hebt und senkt. „Ein bisschen.“


Lea zählt leise: „Wir atmen zusammen ein – eins, zwei, drei, vier – und aus – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.“
Im Bild: Linas Bauch mit dem Schneemann darauf, Tränen, die trocknen, während der Atem ruhiger wird.

Ben sitzt auf seinem Bett, Kopfhörer auf den Ohren, die Musik aufgedreht. Lina liegt in ihrem Zimmer auf dem Bauch, das Gesicht halb im Kissen vergraben. Emma sitzt im Treppenhaus, die Stirn an die kalte Wand gelehnt.

Im Wohnzimmer sitzen Jonas und Lea am Tisch, die Stühle wirken plötzlich zu groß, der Raum zu leer. Jonas schaut auf seine Hände.
„Ich wollte genau das vermeiden“, sagt er.
„Ich weiß“, sagt Lea leise. „Aber wir können die alten Muster nicht einfach wegwünschen.“


Lea legt eine Hand auf ihren Bauch und spürt, wie flach ihr Atem geht. „Ich geh erst zu mir“, sagt sie. „Sonst rede ich bei den Kindern nur aus meinem eigenen Stress.“

Im Bild: Nahaufnahme ihrer Hand, die sich bei jedem Atemzug hebt und senkt. Die Geräusche der Wohnung werden ausgeblendet – nur der Atem ist „hörbar“.