Bettina von Armin
Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln.
Praxis für systemische Beratung
Olaf Pieck
Diplom-Sozialpädagoge
Systemischer Berater (DGSF)
Arndtstraße 29
49080 Osnabrück
Kontakt
Telefon: 0541/99899874
Mobil: 0157/76805483
E-Mail: mail@trigemos.de

12. Streit um Heiligabend
Es dauert nicht lange, bis es knallt.
„Also“, beginnt Jonas vorsichtig, „ich würde mich freuen, wenn wir Heiligabend hier zusammen verbringen.“
Emma beißt sich auf die Lippe. „Mama möchte, dass ich bei ihr bleibe, bis spät abends“, sagt sie leise.
Ben schnaubt. „Ja klar. Wir sind halt wieder die zweite Wahl.“
„So hab ich das nicht gesagt“, antwortet Emma scharf.
„Aber so ist es doch“, fährt Ben ihr über den Mund. „Du kommst, wenn die ‚Hauptfamilie‘ durch ist.“
Jonas fühlt sich getroffen. „Ben, das ist nicht fair“, sagt er lauter. „Emma versucht—“
„Ich hab nur gesagt, wie es sich anfühlt“, faucht Ben. „Aber hier darf man ja nur noch nett sein!“
Lea versucht einzuhaken. „Können wir kurz—“
„Du mit deinem Achtsamkeitsquatsch“, schießt Ben. „Als würde Atmen irgendwas ändern!“
Lina springt vom Stuhl, die Augen glänzen. „Hört auf!“, ruft sie. „Ihr macht alles kaputt!“
Emma steht auf, der Stuhl stößt gegen die Wand. „Ich kann einfach gar nichts richtig machen“, sagt sie, ihre Stimme bricht.
Die Worte prallen im Raum wie zu schnell geworfene Bälle. Schließlich knallt eine Tür.
Achtsamkeitsmoment (verpasst):
Im Bild: der Adventskranz von oben, eine Kerze ist schief, das rote Band hängt halb vom Tisch. Die Stille nach dem Streit ist fast lauter als der Lärm vorher.
Hier gibt es bewusst kein gelungenes Innehalten – damit glaubwürdig bleibt, dass Lernen nicht linear ist.
11. Die Einladung zur Weihnachtsbesprechung
Ein paar Tage später klebt ein Zettel an der Küchenwand: „Heute Abend: Weihnachtsbesprechung – alle kommen! (Ja, auch du, Ben.) – Jonas“.
„Weihnachtsbesprechung?“, liest Ben. „Das klingt nach Elternabend, nur schlimmer.“
Lina ist neugierig. „Gibt’s Kekse?“
„Bestimmt“, sagt Lea. „Ich hab schon welche versteckt.“
Abends sitzen alle am Tisch. In der Mitte steht der Adventskranz, daneben liegt das rote Band wie eine kleine Acht.
Jonas räuspert sich. „Ich hab gemerkt, dass das Thema Heiligabend irgendwie wie eine dunkle Wolke über uns hängt“, sagt er. „Ich würde gerne, dass wir darüber reden, bevor sie gewittert.“
Ben murmelt: „Dramatisch.“
Emma nimmt den Blick nicht vom Tisch.
Lea schiebt das rote Band näher zur Mitte. „Bevor wir anfangen, nehmt jeder mal kurz das Band in die Hand. Nur ein paar Sekunden. Überlegt still: Was ist mir an Weihnachten wirklich wichtig? Nicht, was ich ‚soll‘, sondern was ich mir wünsche.“
10. Drei gute Dinge
Es ist spät geworden. Die Küche ist wieder halbwegs sauber, der Duft von Plätzchen hängt noch in der Luft. Im Wohnzimmer ist es dunkel bis auf den Adventskranz.
„Bevor ihr ins Bett geht“, sagt Lea, „möchte ich was ausprobieren. Jeder sagt drei gute Dinge von heute. Kleines oder großes. Egal.“
Lina wirft sich aufs Sofa. „Die Plätzchen, auch die schiefen. Dass Papa nicht geschimpft hat, als sie runtergefallen sind. Und dass Ben Zombie-Sterne gemacht hat.“
Ben schnaubt. „Die sind künstlerisch wertvoll. Also gut: Ich fand gut, dass der Teig so lecker war, bevor er in den Ofen kam. Dass Emma mir bei Mathe geholfen hat. Und…“ Er zögert. „…dass keiner rumgemeckert hat, als ich Musik angemacht habe.“
Emma: „Ich fand gut, dass ich mit Mama ehrlich gesprochen habe, auch wenn’s anstrengend war. Dass wir zusammen in der Stadt waren. Und dass ich eben kurz das Gefühl hatte, wir sind ein echtes Team, als ihr alle in der Küche rumgewurstelt habt.“
Jonas: „Ich fand gut, dass ihr hier seid. Dass wir gemeinsam gelacht haben, obwohl ich gestresst war. Und dass ich mich heute noch entschuldigen konnte, bevor ich richtig laut wurde.“
Lea schließt die Augen. „Lasst eure drei Dinge kurz wie kleine Bilder auftauchen. Einatmen – da sind sie. Ausatmen – sie sinken wie kleine Steine auf den Boden eures Bauches und machen ihn schwer und warm.“