Als die Stille sich gesetzt hat, lehnt Jonas sich vor. „Wir können den 24. nicht für alle perfekt machen“, sagt er. „Aber vielleicht können wir ihn so planen, dass das Wichtigste für jede*n vorkommt.“

Sie holen die Zettel aus der Wunschschale vom Anfang.
„Emma, wie wäre es, wenn du den Tag teilst? Erst bei Mama, dann später bei uns, oder andersherum – so wie es sich für dich am besten anfühlt“, schlägt Lea vor. „Wir werden nicht beleidigt sein, wenn du später kommst.“

Emma schaut überrascht. „Echt?“
Ben hebt eine Augenbraue. „Und ich?“, fragt er.
„Du bekommst eine Stunde, in der wir alle zusammen sind, ohne Handy“, sagt Jonas. „Wir spielen irgendwas oder schauen einen Film – und ich verspreche, ich leg mein Handy auch weg.“

Lina strahlt. „Und ich will den Baum sehr kitschig schmücken dürfen.“
Lea lacht. „Du kriegst deinen Kitsch-Moment. Und ich wünsch mir einen Spaziergang, bevor wir essen.“
Jonas überlegt. „Und ich wünsch mir… einen Abend ohne Geschrei“, sagt er. „Wenn jemand merkt, dass es hochkocht, halten wir einander am Band fest.“


Lea schneidet das rote Band in fünf Stücke und knotet jedem ein kleines Bändchen ums Handgelenk.
Im Bild: Handgelenke mit roten Fäden, unterschiedlich alt, unterschiedlich groß.

Die Luft im Raum ist dichter, aber nicht mehr so schneidend wie beim Streit. Es ist still, als alle ausgesprochen haben, was sie mögen und wovor sie Angst haben.

„Danke“, sagt Lea schließlich. „Dass ihr so ehrlich seid.“
„Was bringt das?“, fragt Ben. „Wir sind doch genauso verknotet wie vorher.“

„Vielleicht“, sagt Jonas, „aber jetzt sehen wir wenigstens, wo die Knoten sind.“


Lea sagt: „Lass uns eine halbe Minute einfach nichts sagen. Die Kerzen brennen lassen. Schaut, ob ihr irgendwo im Körper spürt, dass eure Worte einen Platz gefunden haben.“

Im Bild: Nahaufnahme des Adventskranzes, der Wachs leicht tropft, das rote Band, das sich darum schmiegt. Die Gesichter unscharf im Hintergrund.

Am Abend ruft Jonas: „Könnt ihr bitte alle nochmal an den Tisch kommen?“ Seine Stimme klingt ruhig, nicht befehlend.

Der Adventskranz ist wieder in der Mitte, das rote Band liegt daneben. Lea stellt zusätzliche Kerzen hin.
„Ich nenn das ‚Adventslichter-Konferenz‘“, erklärt Jonas. „Jede*r, der die Kerze in der Hand hat, darf reden. Alle anderen hören nur zu.“

„Und wenn ich nichts sagen will?“, fragt Emma.
„Dann hältst du die Kerze kurz und gibst sie weiter. Alles ist okay“, sagt Lea.


Die „Sprechkerze“ wandert. Lina hält sie mit zwei Händen fest. „Ich mag am Advent die Lichter und das Plätzchenbacken“, sagt sie. „Ich hab Angst, dass wir uns so streiten, dass niemand mehr kommen will.“

Ben dreht die Kerze langsam. „Ich mag das Essen“, sagt er. „Und dass wir zusammen Filme schauen. Ich hab Angst, dass ich bei allen nur die zweite Wahl bin.“

Emma hält die Kerze, schaut in die Flamme. „Ich mag die Abende, wenn wir einfach reden“, sagt sie. „Ich hab Angst, dass ich ständig jemandem wehtue, egal, wo ich bin.“

Jonas und Lea teilen ihre eigenen Ängste und Wünsche.

Im Bild: Hände, die die Kerze halten, der warme Schein auf den Fingern, das rote Band wie ein leiser Zuhörer um den Kranz gelegt.