Der Küchentisch ist voll: Gläser, ein Teller mit ein paar übrig gebliebenen Keksen von gestern, ein Notizblock. Lea legt einen Stift dazu. Draußen ist es schon früh dunkel geworden, die Fensterscheiben spiegeln die Gesichter.

„Ich würd gern wissen, was ihr euch von diesem Advent wünscht“, sagt sie.
Ben lehnt sich zurück. „Dass niemand Stress macht“, sagt er. „Und keine peinlichen Familienfotos mit Weihnachtsmützen.“
Lina ruft: „Doch, unbedingt Weihnachtsmützen! Ich will, dass es sich richtig weihnachtlich anfühlt. So… wie früher. Mit allem.“

„Was ist ‚alles‘?“, fragt Jonas.
Lina denkt nach. „Lichter, Plätzchen, Musik, Geschenke, alle gut drauf… niemand streitet.“

Emma dreht den Stift zwischen den Fingern. „Ich… möchte nicht das Gefühl haben, ständig entscheiden zu müssen, wo ich sein soll“, sagt sie leise. „Ich hätt gern… Ruhe im Kopf.“

Jonas schaut auf den Tisch. „Ich wünsch mir, dass wir nicht am 24. Abend alle müde und wütend sind und keiner weiß warum“, sagt er.


Lea schiebt den Notizblock in die Mitte. „Schreibt ein Wort auf, das euren Wunsch zusammenfasst.“

Sie legen die Zettel in eine Schale neben das rote Band. „Das hier ist unsere Erinnerungsschale“, sagt Lea. „Wir müssen nicht alles sofort lösen. Aber wir sehen, was wichtig ist.“

Später, als die Jacken hängen und die Schuhe halbwegs aus dem Weg sind, kommt Lea mit einem roten Wollknäuel aus dem Arbeitszimmer. Es leuchtet wie ein kleiner Farbfleck in der noch eher grauen Wohnung.

„Was ist das?“, fragt Lina und fingert neugierig daran herum.
„Unser Adventsband“, sagt Lea. „Eine Idee von mir. Vielleicht ein bisschen schräg.“

Ben grinst schief. „Machst du jetzt Traumfänger für Weihnachten?“
„Fast“, sagt Lea und lacht. „Ich dachte: Wir sind ja keine klassische Weihnachtsfamilie. Vielleicht hilft uns etwas, das uns erinnert, dass wir trotzdem zusammengehören.“

Sie schneidet ein Stück ab, knotet die Enden zusammen und legt den roten Ring in die Mitte des Küchentisches. Zwischen Krümeln und einem Kuli sieht er aus wie etwas, das seinen Platz erst noch finden muss.

„Das Band ist unser Zeichen“, erklärt Lea. „Es erinnert uns: Wir sind verbunden. Auch wenn wir uns nerven.“
Jonas nickt. „Und vielleicht auch daran, dass wir dieses Jahr versuchen, ein bisschen achtsamer miteinander umzugehen.“

Lea sagt: „Berührt mal alle das Band und sagt einen Satz: ‚Ich bin heute hier und fühle mich…‘“
Lina legt vorsichtig einen Finger darauf. „…aufgeregt“, flüstert sie.
Ben stützt sich mit der Hand daneben. „…müde. Und skeptisch.“
Emma fingert am Knoten. „…unsicher.“
Jonas legt seine große Hand dazu. „…froh, dass ihr da seid. Und ein bisschen ängstlich, dass ich’s versaue.“

Jonas ist Anfang/Mitte vierzig. Er ist ein ruhiger, herzlicher Mann, manchmal etwas planlos und in Gedanken. Wenn er lacht, wirkt er plötzlich viel jünger, doch oft sieht man ihm die Müdigkeit an den Schultern und unter den Augen an. Er möchte unbedingt ein „guter Vater“ sein und versucht, es allen recht zu machen – seinen drei Kindern, Lea und seiner Ex-Partnerin. Dabei vergisst er häufig, was er selbst braucht. Konflikten geht er lieber aus dem Weg, macht Witze oder lenkt ab. Wenn der Druck zu groß wird, wird er schnell laut und sagt Dinge, die er hinterher bereut. Danach quält er sich mit schlechtem Gewissen. Jonas mag gemütliche Abende mit Kerzen, gutem Essen und kleinen Gesten: früh Brötchen holen, Musik anmachen, die anderen mit Kakao überraschen. Er trägt meistens einfache Pullover und Jeans, wirkt eher praktisch als schick. Seine größte Sorge ist, dass die Kinder sich bei ihm nicht wirklich zu Hause fühlen und ihn irgendwann nur noch „besuchen“. Oft hört man ihn sagen: „Ich geb mir ja Mühe…“ oder „Ist doch nicht so gemeint“, wenn er merkt, dass er jemanden verletzt hat.

Lea ist Ende dreißig, ruhig, aufmerksam und hat einen feinen, eher leisen Humor. Sie hat warme Augen, bewegt sich eher behutsam als hektisch und achtet auf kleine Dinge: ein schiefer Kerzenständer, Linas Stimmung, Bens Tonfall. Sie interessiert sich für Psychologie, Achtsamkeit und Yoga, ohne jemanden belehren zu wollen. Bücherstapel und ein Notizheft mit Ideen und Zitaten gehören zu ihr wie ihr lockerer Dutt oder Pferdeschwanz. In der Patchworkfamilie möchte sie für die Kinder wichtig sein, ohne deren Mutter zu ersetzen. Das macht sie manchmal unsicher und vorsichtig. In Stressmomenten wird sie noch freundlicher, spricht sanft, stellt Fragen und versucht, zu sortieren und zu beruhigen. Manchmal merkt sie selbst, dass sie zu viel Verantwortung übernehmen will, um Spannungen zu glätten. Von ihr kommen die Ideen für Atempausen, das rote Band und kleine Adventsrituale, die allen helfen sollen, ihre Gefühle besser wahrzunehmen. Typisch für Lea sind Sätze wie: „Lass uns kurz durchatmen“ oder „Wie fühlst du dich gerade?“ – und die Art, bei Gesprächen eine Hand an ihre Tasse zu legen, als würde sie sich daran festhalten.

Emma ist 19 Jahre alt, die Älteste der drei Geschwister. Sie studiert schon und wohnt in einer anderen Stadt. Nach außen wirkt sie ruhig, vernünftig und erwachsen. Ihre Kleidung ist schlicht, manchmal ein bisschen kreativ, sie hat fast immer Kopfhörer, ein Buch oder ihren Laptop dabei. Innen fühlt sie sich aber oft hin- und hergerissen zwischen Mutter, Vater und der Patchworkfamilie mit Lea. Sie hat das Gefühl, ständig „vermitteln“ zu müssen und alles im Blick zu behalten – Termine, Stimmungen, Erwartungen. Emma kann sehr gut zuhören und versteht meistens alle Seiten. Dabei vergisst sie leicht, was sie selbst möchte, und sagt oft: „Passt schon“, obwohl es eigentlich nicht passt. Besonders an Weihnachten ist das schwer für sie, weil sie immer das Gefühl hat, sich entscheiden zu müssen und jemanden zu enttäuschen. Sie mag ruhige Gespräche am Abend, Kerzen, Musik, gemeinsames Lachen – weniger das starre Pflichtprogramm und die Diskussionen, wer wann wo wie lange sein soll. Typische Sätze von ihr sind: „Ich versteh euch beide“ und „Ich weiß nicht, wie ich’s machen soll.“ Wenn sie ehrlich über ihre eigenen Gefühle spricht, wird ihre Stimme leiser, und ihr Blick geht oft zum Boden oder aus dem Fenster.

Ben ist 16 Jahre alt. Er ist schlagfertig, clever und viel am Handy, meistens mit Kapuze, Sneakers und dem Handy in der Hand oder auf dem Schoß. Seine Gefühle zeigt er selten direkt. Stattdessen versteckt er sie hinter Witzen, ironischen Kommentaren und Augenrollen – vor allem dann, wenn er sich verletzt, übergangen oder unwichtig fühlt. In der Patchworkfamilie hat er Angst, nur zweite Wahl zu sein, immer „irgendwo dazwischen“: zwischen Elternteilen, zwischen alten und neuen Regeln, zwischen Kind und Erwachsenwerden. Er achtet genau darauf, wer wann wie reagiert, würde das aber nie zugeben. Öffentlich sagt er, er hasst künstliche Harmonie und zu viel Kitsch. Heimlich mag er jedoch das Zusammensein, das gute Essen, gemeinsame Filme und Insiderwitze, bei denen alle gleichzeitig lachen. Wenn ihn etwas wirklich berührt, wird er eher still, spielt an seinem Ärmel oder am roten Band und wechselt das Thema, anstatt etwas Nettes zu sagen. Von ihm hört man oft: „Mega peinlich“ oder „Ist doch eh alles egal“ – Sätze, hinter denen sich oft ein sehr weiches Herz versteckt.

Lina ist 13 Jahre alt, die Jüngste. Sie ist lebhaft, fantasievoll und sehr empfindsam. Ihre Augen leuchten schnell, wenn es um Geschichten, Basteln oder Deko geht. Sie liebt alles an Weihnachten: Lichter, Glitzer, Musik, Plätzchen und das Gefühl von „heiler Welt“. Ihr Zimmer ist oft voller kleiner selbstgemachter Dinge – Sterne aus Papier, Gläser mit Teelichtern, Zeichnungen. Spannungen im Raum spürt sie sofort, noch bevor jemand laut wird. Dann zieht sich ihr Bauch zusammen, sie wird still oder fängt schnell an zu weinen. Sie bekommt schnell Angst, dass „alles kaputt geht“, wenn gestritten wird, vor allem in der Adventszeit. Am meisten wünscht sie sich ein Weihnachtsfest ohne Streit, an dem alle freundlich zueinander sind und niemand plötzlich verschwindet oder die Tür knallt. Deshalb klammert sie sich stark an schöne Bilder und Rituale: den geschmückten Baum, den Adventskranz, das Plätzchenbacken. Streit trifft sie besonders hart, aber sie kann sich auch schnell wieder freuen, wenn sich jemand entschuldigt oder sie merkt, dass die Liebe noch da ist. Typische Sätze von ihr sind: „Ich will, dass es schön ist!“ und „Jetzt ist Weihnachten kaputt…“, aber genauso oft hört man von ihr ein begeistertes: „Oh, ist das schön!“ wenn irgendwo ein Licht angeht.