Am Küchentisch stehen zwei Adventskalender: einer aus dem Supermarkt mit Schokolade und ein selbstgemachter aus kleinen Umschlägen, die an einer Schnur hängen.

„Ich will den mit Schoko!“, ruft Lina und zeigt auf den bunten.
„Den könnt ihr natürlich auch haben“, sagt Lea. „Aber ich hab da noch was anderes vorbereitet.“

Ben schaut misstrauisch auf die Umschläge. „Wenn da jetzt nur Sprüche drin sind, bin ich raus.“
Jonas zieht den Umschlag mit der „1“ herunter. „Wollen wir einfach mal gucken, was heute drin ist?“, fragt er.

Er liest vor: „‚Heute: Sag drei Dinge, die du an jemandem hier magst.‘“
Ben stöhnt. „Oh Gott. Positivitätscoaching.“

Lina strahlt. „Ich fang an! Ich mag an Ben, dass er so lustig ist. An Emma, dass sie mir bei den Hausaufgaben hilft. An Lea­, dass sie so leckere Pfannkuchen macht. Und an Papa, dass er mich immer so fest drückt.“

Ben guckt verlegen. „Okay… Ich mag an Lina, dass sie sich traut, laut zu sein. An Emma… dass sie sich meldet, wenn’s mir schlecht geht, auch wenn ich nicht antworte. An Papa, dass er mich nicht komplett aufgibt, obwohl ich nervig bin. Und an Lea, dass sie mich mit dem Esoterik-Kram noch nicht rausgeschmissen hat.“

Alle lachen.


Lea fragt: „Könnt ihr kurz merken, wie es im Körper ist, wenn ihr sowas hört oder sagt? Warm? Kalt? Kribbelig?“

Die Stadt ist ein einziges Klingeln, Surren und Blinken. Menschen mit Tüten drängen sich aneinander vorbei, Straßenmusiker spielen Weihnachtslieder, aus einem Kaufhaus schwappt Jingle Bells heraus.

Lina dreht sich im Kreis. „So viele Lichter!“, ruft sie. „Schau, Papa, da ist ein Stand mit gebrannten Mandeln!“
Jonas blickt gleichzeitig auf Lina und auf sein Handy. Die Liste mit den Geschenken brennt auf dem Display. „Ja, später vielleicht“, murmelt er.

Ben zieht die Nase kraus. „Überall Leute. Überall Lärm. Wieso tun sich das alle freiwillig an?“
Emma läuft neben Lea her und hält sich an ihrem Rucksack fest. „Ich muss noch mit Mama klären, wie wir das am 24. machen“, sagt sie. „Sie will, dass ich länger bleibe.“
Lea nickt. „Willst du nachher in Ruhe telefonieren?“, fragt sie.

Im Bus drückt sich warme Luft an die Menschen, Jacken rascheln, jemand telefoniert laut, ein kleines Kind quengelt. Ben stützt den Kopf ans Fenster. „Ich krieg gleich viereckige Ohren von dem ganzen Gedudel“, murmelt er.


Emma schaut aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter. „Können wir kurz was ausprobieren?“, fragt sie. „Nur kurz.“
„Wenn es nichts mit Singen zu tun hat“, sagt Ben.

„Alle machen mal für einen Moment die Augen zu“, schlägt Emma vor. „Nur hören. Was hört ihr alles?“
„Ich höre das Quietschen vom Bus“, sagt Lina.
„Einen Mann, der sich aufregt“, murmelt Ben.
„Das Tütenrascheln“, Jonas.
„Dein Herz klopfen, wenn du mich gedrückt hast“, sagt Lea leise zu Emma.


Am nächsten Tag steht ein schlichter Strohkranz auf dem Wohnzimmertisch. Daneben: ein Karton mit bunten Kugeln, eine Tüte mit getrockneten Orangenscheiben und Zimtstangen, eine Schachtel mit eher kitschigen kleinen Engeln.

„Ich will Glitzer!“, ruft Lina und wühlt in den Kugeln.
Ben verdreht die Augen. „Das sieht aus wie ein explodierter Weihnachtsladen. Lass uns das einfach schlicht machen. Vier Kerzen, fertig.“
Lea kramt in der Tüte mit den Orangenscheiben. „Ich mag es gern natürlich“, sagt sie. „Holz, Tannengrün, sowas.“
Jonas steht daneben und versucht, nicht zu seufzen. „Macht doch einfach, wie ihr möchtet“, murmelte er.

Lina schaut verletzt. „Immer wenn ich was aussuche, ist es ‚zu viel‘“, sagt sie.
„Weil du alles vollhängst“, schießt Ben zurück. „Das ist nicht Weihnachten, das ist ein Deko-Unfall.“

Die Stimmen werden lauter, Hände reißen an denselben Zweigen, eine Kugel rollt über den Boden. Man spürt im Raum die bekannte Spannung, die alle schon von früher kennen.


Lea hebt plötzlich eine Hand. „Stopp. Schneeflocken-Stopp“, sagt sie.
„Was?“, fragt Ben.
„Stellt euch vor, ihr seid eine Schneeflocke, die ganz langsam auf einen Ast sinkt. Für drei Atemzüge machen wir gar nichts. Nur atmen und in eine Kerze schauen.“

Sie zündet eine der Kerzen an. Zögernd richten sich die Blicke darauf. Im Bild: Die Flamme spiegelt sich in drei Paar Augen, das vierte guckt seitlich skeptisch.

Nach drei tiefen Atemzügen sagt Lea: „Jede*r darf einen Herzens-Deko-Wunsch sagen.“
Lina: „Eine richtig glitzernde Kugel.“
Ben: „Kein Kitschengel.“
Lea: „Ein bisschen Natur – die Orangenscheiben.“
Jonas denkt kurz nach. „Dass niemand heult, weil es nicht ‚perfekt‘ ist.“