Der Tag ist anders, aber nicht perfekt.

Emma kommt später als geplant, leicht außer Atem, die Wangen rot von der Kälte und den Gefühlen. „Sorry“, sagt sie, „der Zug hatte Verspätung.“
„Du bist da“, sagt Jonas nur, und umarmt sie. „Das ist das Wichtigste.“

Ein Auflauf gelingt nicht, wird im Ofen zu dunkel. „Dann gibt’s mehr Kartoffeln“, sagt Ben. „Schwarze Kruste ist eh nicht gesund.“
Ein Geschenk ist falsch eingepackt. „Ups“, lacht Lea, „Überraschung im Doppelpack.“

Niemand schreit. Es gibt Momente, in denen jemand genervt ist, in denen es kurz still wird, weil ein Satz wehtut. Aber immer wieder fassen Hände an rote Bändchen, atmen tief ein und aus.

Später sitzen sie auf dem Sofa. Der Baum leuchtet, die Kerzen brennen. Jonas legt das lange Stück des roten Bands, das noch übrig ist, wie einen Kreis um ihre Füße.
„Dieses Band war dieses Jahr unser Advent“, sagt Lea. „Es hat uns nicht vor Streit bewahrt. Aber es hat uns geholfen, wieder zueinander zu finden.“


„Ein letzter Adventsatem“, schlägt sie vor. „Einatmen – wir spüren uns selbst. Ausatmen – wir spüren die anderen neben uns.“

Im Bild: Die Familie in einer nicht perfekten, aber warmen Kuschel-Verknotung auf dem Sofa, ein bisschen schief, ein bisschen eng. Das rote Band liegt um ihre Füße, über Kreuz, durcheinander – und verbindet sie trotzdem.

„Die Welt war nicht heil.
Aber für diesen Moment fühlte sie sich heil genug an.
Und das Adventsband erinnerte sie daran,
dass Frieden nicht vom perfekten Weihnachten kommt,
sondern davon, wie sie miteinander umgingen –
einen Atemzug nach dem anderen.“

Am 23. riecht die Wohnung nach Tannennadeln. Der Baum steht zwischen Sofa und Fenster, leicht schief, aber stolz.

Lina hat eine Kiste mit bunten Kugeln und Glitzersternen. „Heute ist mein Kitsch-Tag!“, ruft sie und hängt eine blinkende Schneeflocke in die Mitte.
Ben hat eine Handvoll schlichter Kugeln in Schwarz und Silber. „Damit es nicht ganz eskaliert“, murmelt er. Er hängt sie in die hinteren Äste, so dass man sie nur auf den zweiten Blick sieht.

Lea wickelt eine Lichterkette um den Baum, Jonas balanciert auf einem Hocker. „Nicht so weit oben!“, ruft Lina.
Emma packt zwischendurch ihre Tasche für den nächsten Tag, legt ein Buch, das rote Band und ihr Handy hinein, schaut immer wieder zum Baum.


Als sie fertig sind, machen sie das Licht aus. Nur der Baum leuchtet, schief, bunt, ein bisschen überladen, aber lebendig.

„Lasst uns alle hinsetzen und nur schauen“, sagt Lea.
Im Bild: Die Familie auf dem Sofa, in Decken gewickelt, der Baum leuchtet. Wer genau hinschaut, sieht an manchen Zweigen das rote Band, als hätten sie es mit hineingeflochten.

„Morgen wünsche ich mir…“, sagt Lina.
„…dass niemand schreit“, sagt Jonas.
„…dass ich nicht in zwei Hälften zerreiße“, sagt Emma.
„…dass die Zombie-Sterne nicht verbrennen“, sagt Ben.
„…dass wir uns erinnern, zu atmen“, sagt Lea.

Am Abend kommt Lina zu Jonas ins Wohnzimmer. Der Baum steht schon da, aber noch ohne Schmuck. Das Licht ist weich.

„Papa?“, fragt sie.
„Hm?“
„Was ist, wenn Emma morgen nicht rechtzeitig kommt?“, fragt sie. „Oder wenn jemand wieder schreit? Dann ist Weihnachten kaputt.“

Jonas setzt sich zu ihr auf den Teppich. „Weißt du“, sagt er, „Weihnachten geht nicht kaputt wie ein Glas. Es kann schief gehen, laut werden, chaotisch. Und trotzdem können darin Momente sein, die gut sind.“

Lina schaut skeptisch. „Aber ich will, dass es die ganze Zeit schön ist.“
„Ich auch“, sagt Jonas. „Aber vielleicht reicht es, wenn genug Momente schön sind.“


Lea kommt dazu, setzt sich ans Fensterbrett. „Kommt“, sagt sie, „wir machen eine Lichter-Safari.“
Sie setzen sich ans Fenster und schauen in die Nacht.
„Jede*r sucht fünf Lichter, die ihm gefallen“, schlägt Lea vor. „Und sagt, was daran schön ist.“

Im Bild: Drei Gesichter am Fenster, draußen Laternen, Lichterketten, beleuchtete Fenster. Kleine Sprechblasen mit: „Das da, weil es so warm aussieht“, „Das blinkende da, weil es kitschig ist“, „Das, weil es so ruhig leuchtet.“

Später sitzt Emma mit Lea am Küchentisch. Der Baum steht noch ungeschmückt im Wohnzimmer, eine Lichterkette liegt wie ein schlafender Drache zu seinen Füßen.

„Mama hat geschrieben“, sagt Emma. „Sie will, dass ich am 24. länger bleibe. Sie schreibt, dass sie sich allein fühlt, wenn ich gehe.“
Ihre Finger kreisen das rote Band. „Ich fühl mich, als würde ich jemanden im Stich lassen, egal, was ich mache.“

Lea rührt in ihrem Tee. „Ich kann dir nicht sagen, was richtig ist“, sagt sie. „Aber ich kann dir helfen herauszufinden, was sich für dich stimmig anfühlt.“


„Leg mal eine Hand auf dein Herz“, sagt Lea. „Schließ die Augen. Stell dir vor, du bist erst dort – bei deiner Mutter. Dann später hier. Wie fühlt es sich an? Und dann umgekehrt.“

Im Bild: Emmas Gesicht mit geschlossenen Augen, Innenbilder wie leichte Schatten im Hintergrund – sie mit der Mutter auf dem Sofa, sie mit den anderen am Tisch.

„Ich glaub, ich will teilen“, sagt Emma schließlich. „Aber ich will es ehrlich sagen und nicht so, als würde ich mich entschuldigen, dafür dass ich zwei Familien habe.“

Der 23. rückt näher. Die Küche ist wieder voll: Töpfe, Schüsseln, Verpackungen. Der Timer piept, das Telefon klingelt, jemand lässt einen Löffel laut in die Spüle fallen.

„Wo sind die Servietten?“, ruft Jonas. „Hat jemand die Servietten gesehen?“
„Welche?“, fragt Lea aus dem Wohnzimmer.
„Die mit den Sternen!“, ruft Jonas. „Wieso kann hier nie—“

Man hört, wie seine Stimme kippt. Ben friert ein, mit einem Glas in der Hand. Lina stellt gerade einen Teller ab und zuckt zusammen.

Achtsamkeitsmoment (mit Rückfall + Korrektur):
Jonas’ Blick fällt auf sein Handgelenk. Das rote Band schneidet sich fast in die Haut, so fest hält er die Faust.

Er atmet einmal scharf ein… und dann bewusst aus. „Stopp“, sagt er halblaut – zu sich selbst. „Ich fang nochmal an.“

„Ich bin gerade völlig überfordert“, sagt er, diesmal langsamer. „Ich hab Angst, dass wir morgen wieder in Streit enden. Und dann beschwere ich mich über Servietten. Es tut mir leid, dass ich euch angefahren habe.“

Ben stellt das Glas ab. „Die Servietten sind im Flurschrank“, sagt er. „Ich hol sie.“
Lina lächelt vorsichtig. „Das war… voll schnell wieder lieb“, stellt sie fest.

Im Bild: Jonas, der mit der Hand übers Gesicht streicht, ein kurzes, ehrliches Lächeln. Hinter ihm das Chaos – aber etwas ist weicher geworden.

Der Alltag holt sie wieder ein. In der Schule, in der Uni, auf der Arbeit.

Ben sitzt im Bus, schaut auf sein Handy. In der Klassengruppe macht sich jemand über ein Mädchen lustig. Seine Finger fliegen über die Tastatur – eine spitze Antwort, ein Witz, der die Situation noch anheizen würde.
Da streift sein Blick das rote Bändchen an seinem Handgelenk.

Er hält inne. Atmet ein. Löscht den Satz, bevor er auf „Senden“ drückt.
„Was machst du?“, fragt sein Sitznachbar.
„Nix“, sagt Ben. „Ich schreib’s lieber nicht.“

Emma steht am Bahnsteig, verirrt zwischen Reisenden. Sie spielt mit ihrem Bändchen, während sie überlegt, wie sie die nächste Nachricht an ihre Mutter formuliert. „Ich kann später kommen“ oder „Ich muss früher gehen“.
Sie atmet tief durch, bevor sie schreibt.

Lina zeigt ihrem Lieblingsmenschen in der Schule stolz das Band. „Das ist unser Adventsband“, erklärt sie. „Wenn ich sauer werde, fass ich es an und atme. Manchmal hilft es. Manchmal nicht. Aber ich versuch’s.“


Im Bild: drei verschiedene Szenen mit Händen und Bändchen – im Bus, am Bahnsteig, auf dem Schulhof. Untertitel: „Das Band erinnerte sie daran, kurz innezuhalten, bevor sie etwas taten, das sie später bereuen würden.“

Als die Stille sich gesetzt hat, lehnt Jonas sich vor. „Wir können den 24. nicht für alle perfekt machen“, sagt er. „Aber vielleicht können wir ihn so planen, dass das Wichtigste für jede*n vorkommt.“

Sie holen die Zettel aus der Wunschschale vom Anfang.
„Emma, wie wäre es, wenn du den Tag teilst? Erst bei Mama, dann später bei uns, oder andersherum – so wie es sich für dich am besten anfühlt“, schlägt Lea vor. „Wir werden nicht beleidigt sein, wenn du später kommst.“

Emma schaut überrascht. „Echt?“
Ben hebt eine Augenbraue. „Und ich?“, fragt er.
„Du bekommst eine Stunde, in der wir alle zusammen sind, ohne Handy“, sagt Jonas. „Wir spielen irgendwas oder schauen einen Film – und ich verspreche, ich leg mein Handy auch weg.“

Lina strahlt. „Und ich will den Baum sehr kitschig schmücken dürfen.“
Lea lacht. „Du kriegst deinen Kitsch-Moment. Und ich wünsch mir einen Spaziergang, bevor wir essen.“
Jonas überlegt. „Und ich wünsch mir… einen Abend ohne Geschrei“, sagt er. „Wenn jemand merkt, dass es hochkocht, halten wir einander am Band fest.“


Lea schneidet das rote Band in fünf Stücke und knotet jedem ein kleines Bändchen ums Handgelenk.
Im Bild: Handgelenke mit roten Fäden, unterschiedlich alt, unterschiedlich groß.

Die Luft im Raum ist dichter, aber nicht mehr so schneidend wie beim Streit. Es ist still, als alle ausgesprochen haben, was sie mögen und wovor sie Angst haben.

„Danke“, sagt Lea schließlich. „Dass ihr so ehrlich seid.“
„Was bringt das?“, fragt Ben. „Wir sind doch genauso verknotet wie vorher.“

„Vielleicht“, sagt Jonas, „aber jetzt sehen wir wenigstens, wo die Knoten sind.“


Lea sagt: „Lass uns eine halbe Minute einfach nichts sagen. Die Kerzen brennen lassen. Schaut, ob ihr irgendwo im Körper spürt, dass eure Worte einen Platz gefunden haben.“

Im Bild: Nahaufnahme des Adventskranzes, der Wachs leicht tropft, das rote Band, das sich darum schmiegt. Die Gesichter unscharf im Hintergrund.

Am Abend ruft Jonas: „Könnt ihr bitte alle nochmal an den Tisch kommen?“ Seine Stimme klingt ruhig, nicht befehlend.

Der Adventskranz ist wieder in der Mitte, das rote Band liegt daneben. Lea stellt zusätzliche Kerzen hin.
„Ich nenn das ‚Adventslichter-Konferenz‘“, erklärt Jonas. „Jede*r, der die Kerze in der Hand hat, darf reden. Alle anderen hören nur zu.“

„Und wenn ich nichts sagen will?“, fragt Emma.
„Dann hältst du die Kerze kurz und gibst sie weiter. Alles ist okay“, sagt Lea.


Die „Sprechkerze“ wandert. Lina hält sie mit zwei Händen fest. „Ich mag am Advent die Lichter und das Plätzchenbacken“, sagt sie. „Ich hab Angst, dass wir uns so streiten, dass niemand mehr kommen will.“

Ben dreht die Kerze langsam. „Ich mag das Essen“, sagt er. „Und dass wir zusammen Filme schauen. Ich hab Angst, dass ich bei allen nur die zweite Wahl bin.“

Emma hält die Kerze, schaut in die Flamme. „Ich mag die Abende, wenn wir einfach reden“, sagt sie. „Ich hab Angst, dass ich ständig jemandem wehtue, egal, wo ich bin.“

Jonas und Lea teilen ihre eigenen Ängste und Wünsche.

Im Bild: Hände, die die Kerze halten, der warme Schein auf den Fingern, das rote Band wie ein leiser Zuhörer um den Kranz gelegt.

Jonas steht vor Bens Tür. Die Musik dahinter ist laut. Er klopft trotzdem.
Keine Antwort.
„Ich komm nur kurz rein, okay?“, sagt er und steckt den Kopf durch die Tür.

Ben liegt auf dem Bett, das Handy in der Hand, die Kopfhörer um den Hals. „Was?“, knurrt er.
Jonas setzt sich auf den Schreibtischstuhl. „Ich würde gern mal wirklich zuhören“, sagt er. „Nicht erklären. Nur hören, wie es für dich war.“

Ben verzieht das Gesicht. „Kannst du eh nicht ändern.“
„Vielleicht nicht“, sagt Jonas. „Aber vielleicht ist es gut, dass ich’s weiß.“

Es dauert, bis die Worte kommen, erst abgehackt, dann fließender. „Es ist immer dasselbe“, sagt Ben. „Ich hab das Gefühl, wir sind hier so… Zusatzfamilie. Emma fährt hin und her, du willst es allen recht machen, Lea redet von Atmen. Aber ich hab Angst, dass ich am Ende der bin, der niemandem richtig wichtig ist.“

Jonas schluckt. „Du hast Angst, dass du nicht auf Platz eins stehst bei irgendwem“, wiederholt er. „Und dass du hinten runterfällst.“

Ben blickt überrascht. „Ja“, sagt er. „Genau das.“


Jonas widersteht dem Drang, sich sofort zu verteidigen. Stattdessen macht er eine kleine Pause, atmet hörbar ein und aus.
„Danke, dass du mir das gesagt hast“, sagt er dann. „Ich kann nicht versprechen, dass ich alles richtig mache. Aber ich verspreche dir, dass du wichtig bist. Auch wenn ich’s manchmal schlecht zeige.“

Im Bild: Zwei Figuren in einem Zimmer, viel Raum dazwischen – und ein dünner, roter Faden, der über den Boden liegt.