Am nächsten Tag steht ein schlichter Strohkranz auf dem Wohnzimmertisch. Daneben: ein Karton mit bunten Kugeln, eine Tüte mit getrockneten Orangenscheiben und Zimtstangen, eine Schachtel mit eher kitschigen kleinen Engeln.

„Ich will Glitzer!“, ruft Lina und wühlt in den Kugeln.
Ben verdreht die Augen. „Das sieht aus wie ein explodierter Weihnachtsladen. Lass uns das einfach schlicht machen. Vier Kerzen, fertig.“
Lea kramt in der Tüte mit den Orangenscheiben. „Ich mag es gern natürlich“, sagt sie. „Holz, Tannengrün, sowas.“
Jonas steht daneben und versucht, nicht zu seufzen. „Macht doch einfach, wie ihr möchtet“, murmelte er.

Lina schaut verletzt. „Immer wenn ich was aussuche, ist es ‚zu viel‘“, sagt sie.
„Weil du alles vollhängst“, schießt Ben zurück. „Das ist nicht Weihnachten, das ist ein Deko-Unfall.“

Die Stimmen werden lauter, Hände reißen an denselben Zweigen, eine Kugel rollt über den Boden. Man spürt im Raum die bekannte Spannung, die alle schon von früher kennen.


Lea hebt plötzlich eine Hand. „Stopp. Schneeflocken-Stopp“, sagt sie.
„Was?“, fragt Ben.
„Stellt euch vor, ihr seid eine Schneeflocke, die ganz langsam auf einen Ast sinkt. Für drei Atemzüge machen wir gar nichts. Nur atmen und in eine Kerze schauen.“

Sie zündet eine der Kerzen an. Zögernd richten sich die Blicke darauf. Im Bild: Die Flamme spiegelt sich in drei Paar Augen, das vierte guckt seitlich skeptisch.

Nach drei tiefen Atemzügen sagt Lea: „Jede*r darf einen Herzens-Deko-Wunsch sagen.“
Lina: „Eine richtig glitzernde Kugel.“
Ben: „Kein Kitschengel.“
Lea: „Ein bisschen Natur – die Orangenscheiben.“
Jonas denkt kurz nach. „Dass niemand heult, weil es nicht ‚perfekt‘ ist.“

Der Küchentisch ist voll: Gläser, ein Teller mit ein paar übrig gebliebenen Keksen von gestern, ein Notizblock. Lea legt einen Stift dazu. Draußen ist es schon früh dunkel geworden, die Fensterscheiben spiegeln die Gesichter.

„Ich würd gern wissen, was ihr euch von diesem Advent wünscht“, sagt sie.
Ben lehnt sich zurück. „Dass niemand Stress macht“, sagt er. „Und keine peinlichen Familienfotos mit Weihnachtsmützen.“
Lina ruft: „Doch, unbedingt Weihnachtsmützen! Ich will, dass es sich richtig weihnachtlich anfühlt. So… wie früher. Mit allem.“

„Was ist ‚alles‘?“, fragt Jonas.
Lina denkt nach. „Lichter, Plätzchen, Musik, Geschenke, alle gut drauf… niemand streitet.“

Emma dreht den Stift zwischen den Fingern. „Ich… möchte nicht das Gefühl haben, ständig entscheiden zu müssen, wo ich sein soll“, sagt sie leise. „Ich hätt gern… Ruhe im Kopf.“

Jonas schaut auf den Tisch. „Ich wünsch mir, dass wir nicht am 24. Abend alle müde und wütend sind und keiner weiß warum“, sagt er.


Lea schiebt den Notizblock in die Mitte. „Schreibt ein Wort auf, das euren Wunsch zusammenfasst.“

Sie legen die Zettel in eine Schale neben das rote Band. „Das hier ist unsere Erinnerungsschale“, sagt Lea. „Wir müssen nicht alles sofort lösen. Aber wir sehen, was wichtig ist.“

Später, als die Jacken hängen und die Schuhe halbwegs aus dem Weg sind, kommt Lea mit einem roten Wollknäuel aus dem Arbeitszimmer. Es leuchtet wie ein kleiner Farbfleck in der noch eher grauen Wohnung.

„Was ist das?“, fragt Lina und fingert neugierig daran herum.
„Unser Adventsband“, sagt Lea. „Eine Idee von mir. Vielleicht ein bisschen schräg.“

Ben grinst schief. „Machst du jetzt Traumfänger für Weihnachten?“
„Fast“, sagt Lea und lacht. „Ich dachte: Wir sind ja keine klassische Weihnachtsfamilie. Vielleicht hilft uns etwas, das uns erinnert, dass wir trotzdem zusammengehören.“

Sie schneidet ein Stück ab, knotet die Enden zusammen und legt den roten Ring in die Mitte des Küchentisches. Zwischen Krümeln und einem Kuli sieht er aus wie etwas, das seinen Platz erst noch finden muss.

„Das Band ist unser Zeichen“, erklärt Lea. „Es erinnert uns: Wir sind verbunden. Auch wenn wir uns nerven.“
Jonas nickt. „Und vielleicht auch daran, dass wir dieses Jahr versuchen, ein bisschen achtsamer miteinander umzugehen.“

Lea sagt: „Berührt mal alle das Band und sagt einen Satz: ‚Ich bin heute hier und fühle mich…‘“
Lina legt vorsichtig einen Finger darauf. „…aufgeregt“, flüstert sie.
Ben stützt sich mit der Hand daneben. „…müde. Und skeptisch.“
Emma fingert am Knoten. „…unsicher.“
Jonas legt seine große Hand dazu. „…froh, dass ihr da seid. Und ein bisschen ängstlich, dass ich’s versaue.“