Lea klopft leise an Linas Tür.
„Nein“, kommt es dumpf aus dem Kissen.
„Ich würd mich einfach gern zu dir setzen. Ich sag erstmal nichts“, antwortet Lea.

Sie setzt sich auf die Bettkante, sagt tatsächlich eine Weile kein Wort. Linas Schultern zucken noch nach.

„Ihr sagt immer, ihr wollt, dass es schön wird“, schluchzt Lina irgendwann. „Aber ihr schreit doch immer wieder. Dann ist es wieder kaputt.“

Lea holt einen kleinen Schneemann aus Stoff vom Regal und legt ihn auf Linas Bauch. „Schau mal“, sagt sie. „Der Schneemann fährt Fahrstuhl. Hoch beim Einatmen, runter beim Ausatmen.“

Lina schnaubt halb lachend, halb weinend. „Das ist kindisch.“
„Ein bisschen“, gibt Lea zu. „Hilft’s ein bisschen?“

Lina beobachtet den Schneemann, wie er sich hebt und senkt. „Ein bisschen.“


Lea zählt leise: „Wir atmen zusammen ein – eins, zwei, drei, vier – und aus – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.“
Im Bild: Linas Bauch mit dem Schneemann darauf, Tränen, die trocknen, während der Atem ruhiger wird.

Ben sitzt auf seinem Bett, Kopfhörer auf den Ohren, die Musik aufgedreht. Lina liegt in ihrem Zimmer auf dem Bauch, das Gesicht halb im Kissen vergraben. Emma sitzt im Treppenhaus, die Stirn an die kalte Wand gelehnt.

Im Wohnzimmer sitzen Jonas und Lea am Tisch, die Stühle wirken plötzlich zu groß, der Raum zu leer. Jonas schaut auf seine Hände.
„Ich wollte genau das vermeiden“, sagt er.
„Ich weiß“, sagt Lea leise. „Aber wir können die alten Muster nicht einfach wegwünschen.“


Lea legt eine Hand auf ihren Bauch und spürt, wie flach ihr Atem geht. „Ich geh erst zu mir“, sagt sie. „Sonst rede ich bei den Kindern nur aus meinem eigenen Stress.“

Im Bild: Nahaufnahme ihrer Hand, die sich bei jedem Atemzug hebt und senkt. Die Geräusche der Wohnung werden ausgeblendet – nur der Atem ist „hörbar“.

Es dauert nicht lange, bis es knallt.

„Also“, beginnt Jonas vorsichtig, „ich würde mich freuen, wenn wir Heiligabend hier zusammen verbringen.“
Emma beißt sich auf die Lippe. „Mama möchte, dass ich bei ihr bleibe, bis spät abends“, sagt sie leise.

Ben schnaubt. „Ja klar. Wir sind halt wieder die zweite Wahl.“
„So hab ich das nicht gesagt“, antwortet Emma scharf.
„Aber so ist es doch“, fährt Ben ihr über den Mund. „Du kommst, wenn die ‚Hauptfamilie‘ durch ist.“

Jonas fühlt sich getroffen. „Ben, das ist nicht fair“, sagt er lauter. „Emma versucht—“
„Ich hab nur gesagt, wie es sich anfühlt“, faucht Ben. „Aber hier darf man ja nur noch nett sein!“

Lea versucht einzuhaken. „Können wir kurz—“
„Du mit deinem Achtsamkeitsquatsch“, schießt Ben. „Als würde Atmen irgendwas ändern!“

Lina springt vom Stuhl, die Augen glänzen. „Hört auf!“, ruft sie. „Ihr macht alles kaputt!“
Emma steht auf, der Stuhl stößt gegen die Wand. „Ich kann einfach gar nichts richtig machen“, sagt sie, ihre Stimme bricht.

Die Worte prallen im Raum wie zu schnell geworfene Bälle. Schließlich knallt eine Tür.

Achtsamkeitsmoment (verpasst):
Im Bild: der Adventskranz von oben, eine Kerze ist schief, das rote Band hängt halb vom Tisch. Die Stille nach dem Streit ist fast lauter als der Lärm vorher.
Hier gibt es bewusst kein gelungenes Innehalten – damit glaubwürdig bleibt, dass Lernen nicht linear ist.

Ein paar Tage später klebt ein Zettel an der Küchenwand: „Heute Abend: Weihnachtsbesprechung – alle kommen! (Ja, auch du, Ben.) – Jonas“.

„Weihnachtsbesprechung?“, liest Ben. „Das klingt nach Elternabend, nur schlimmer.“
Lina ist neugierig. „Gibt’s Kekse?“
„Bestimmt“, sagt Lea. „Ich hab schon welche versteckt.“

Abends sitzen alle am Tisch. In der Mitte steht der Adventskranz, daneben liegt das rote Band wie eine kleine Acht.
Jonas räuspert sich. „Ich hab gemerkt, dass das Thema Heiligabend irgendwie wie eine dunkle Wolke über uns hängt“, sagt er. „Ich würde gerne, dass wir darüber reden, bevor sie gewittert.“

Ben murmelt: „Dramatisch.“
Emma nimmt den Blick nicht vom Tisch.


Lea schiebt das rote Band näher zur Mitte. „Bevor wir anfangen, nehmt jeder mal kurz das Band in die Hand. Nur ein paar Sekunden. Überlegt still: Was ist mir an Weihnachten wirklich wichtig? Nicht, was ich ‚soll‘, sondern was ich mir wünsche.“

Es ist spät geworden. Die Küche ist wieder halbwegs sauber, der Duft von Plätzchen hängt noch in der Luft. Im Wohnzimmer ist es dunkel bis auf den Adventskranz.

„Bevor ihr ins Bett geht“, sagt Lea, „möchte ich was ausprobieren. Jeder sagt drei gute Dinge von heute. Kleines oder großes. Egal.“

Lina wirft sich aufs Sofa. „Die Plätzchen, auch die schiefen. Dass Papa nicht geschimpft hat, als sie runtergefallen sind. Und dass Ben Zombie-Sterne gemacht hat.“

Ben schnaubt. „Die sind künstlerisch wertvoll. Also gut: Ich fand gut, dass der Teig so lecker war, bevor er in den Ofen kam. Dass Emma mir bei Mathe geholfen hat. Und…“ Er zögert. „…dass keiner rumgemeckert hat, als ich Musik angemacht habe.“

Emma: „Ich fand gut, dass ich mit Mama ehrlich gesprochen habe, auch wenn’s anstrengend war. Dass wir zusammen in der Stadt waren. Und dass ich eben kurz das Gefühl hatte, wir sind ein echtes Team, als ihr alle in der Küche rumgewurstelt habt.“

Jonas: „Ich fand gut, dass ihr hier seid. Dass wir gemeinsam gelacht haben, obwohl ich gestresst war. Und dass ich mich heute noch entschuldigen konnte, bevor ich richtig laut wurde.“


Lea schließt die Augen. „Lasst eure drei Dinge kurz wie kleine Bilder auftauchen. Einatmen – da sind sie. Ausatmen – sie sinken wie kleine Steine auf den Boden eures Bauches und machen ihn schwer und warm.“

Die Küche ist verwandelt in ein Schlachtfeld aus Mehl, Teig und Ausstechformen. Lina hat Sterne, Herzen und Tannenbäume ausgestochen, Ben macht Totenköpfe mit der Sternform, indem er die Ränder abbricht.

„Das sind Zombie-Sterne“, erklärt er.
„Du machst Weihnachten kaputt!“, empört sich Lina, muss aber lachen.

Lea versucht, Bleche in den Ofen zu schieben, Jonas kommt mit einer Tasche voller Zutaten herein. „Ich glaube, ich hab die falsche Schokolade gekauft“, sagt er. „Und die Mandeln vergessen.“

Als er über Linas Rucksack stolpert, wackelt das Backblech in Leas Händen. Ein paar Plätzchen fallen auf den Boden.
„Super“, zischt Jonas. „Muss das hier immer aussehen wie…“

Man spürt, wie sich etwas in ihm aufbaut, wie der Ton schärfer werden will.


Bevor es aus ihm herausplatzt, tippt Lina an sein Handgelenk. Das rote Bändchen streift ihre Finger. „Papa“, flüstert sie. „Drei Atemzüge, erinnerst du dich?“

Jonas hält inne. Das Bild zeigt sein Gesicht im Halbprofil, den Mund noch halb geöffnet. Dann schließt er kurz die Augen und atmet einmal tief ein, langsam aus. Noch zweimal.

Die Schultern sinken. „Okay“, sagt er leiser. „Nichts ist kaputt. Plätzchen kann man vom Boden aufheben oder neu machen. Ich bin nur… ziemlich fertig.“
Ben wirft ihm einen kurzen Blick zu. „Dann setzen wir uns gleich hin, wenn das Blech drin ist“, sagt er. „Ich mach Zombie-Sterne und normale. Deal?“

Es ist Abend. Die Küche ist aufgeräumt, das Wohnzimmer halbdunkel. Jeder hängt irgendwo: Lina sitzt mit Tablet am Boden, Ben am Handy in der Sofaecke, Emma mit Laptop am Tisch, Jonas mit dem Smartphone in der Hand, Lea räumt noch ein Glas weg.

Lea bleibt stehen, schaut in die Runde. Man sieht nur Licht von den Bildschirmen, das Gesichter blau und blass macht.

Sie holt eine Kerze aus der Schublade, stellt sie auf den Tisch und zündet sie an. Die Flamme ist klein, aber warm.
„Können wir kurz eine Pause machen?“, fragt sie. „Nur eine ganz kleine?“

Ben hebt nur eine Augenbraue. „Was machst du? Stromausfall in schön?“
Lea lächelt. „Nur zwei Minuten ohne Bildschirme. Wir schauen alle zusammen in die Kerze. Danach dürft ihr weitermachen.“

Lina schiebt das Tablet beiseite, Emma klappt den Laptop zu, Jonas steckt das Handy in die Tasche. Ben lässt sein Handy auf dem Sofa liegen, den Daumen immer noch oben – dann seufzt er und zieht ihn weg.


Alle sitzen um den Tisch, die Kerze in der Mitte. Die Flamme wackelt leicht.
„Nur schauen“, sagt Lea leise. „Keine Aufgabe. Nur sitzen, schauen und merken, wie der Atem ein- und ausgeht.“
Nach einem Moment sagt Lina: „Das ist irgendwie schön. So… still.“
Ben murmelt: „Bisschen kitschig. Aber nicht schlimm.“
Emma: „Mein Kopf ist kurz nicht so voll.“
Jonas atmet hörbar aus. „Ich habe seit Tagen nicht gemerkt, wie müde ich bin, bis jetzt.“

Später sitzt Emma am Fensterbrett mit dem Handy am Ohr. Draußen blinken Weihnachtssterne in den Fenstern der Nachbarhäuser.

„Ja, Mama, ich weiß…“, sagt sie leise. „Ich will ja auch bei dir sein. Aber Papa… und Lea… und die Kleinen…“

Sie hört zu, die Stirn wird faltenreicher. „Ich hab einfach Angst, dass einer von euch enttäuscht ist. Egal, wie ich’s mache.“

Jonas kommt in den Flur, hört ihren leisen, engen Ton, bleibt stehen. Er macht eine Bewegung, als würde er hineingehen, bleibt dann aber unsicher an der Tür stehen. Er hört, wie Emma sagt: „Ich will nicht wählen müssen.“

Als das Gespräch vorbei ist, setzt Emma sich auf den Teppich im Flur, den Rücken an die Wand, das Handy neben sich. Jonas setzt sich vorsichtig ein Stück entfernt dazu.

„War das schwer?“, fragt er.

Emma nickt. „Ich hasse Weihnachten“, murmelt sie. „Nicht wegen Weihnachten. Wegen dem Drumherum.“

Lea kommt hinzu, ohne ein Wort zu sagen, und reicht Emma ein kleines Notizbuch und einen Stift.

„Manchmal hilft es, alles rauszuschreiben, ohne dass es jemand lesen muss“, sagt sie. „Nicht, um eine Lösung zu finden. Nur, damit es Platz im Kopf bekommt.“

Am Küchentisch stehen zwei Adventskalender: einer aus dem Supermarkt mit Schokolade und ein selbstgemachter aus kleinen Umschlägen, die an einer Schnur hängen.

„Ich will den mit Schoko!“, ruft Lina und zeigt auf den bunten.
„Den könnt ihr natürlich auch haben“, sagt Lea. „Aber ich hab da noch was anderes vorbereitet.“

Ben schaut misstrauisch auf die Umschläge. „Wenn da jetzt nur Sprüche drin sind, bin ich raus.“
Jonas zieht den Umschlag mit der „1“ herunter. „Wollen wir einfach mal gucken, was heute drin ist?“, fragt er.

Er liest vor: „‚Heute: Sag drei Dinge, die du an jemandem hier magst.‘“
Ben stöhnt. „Oh Gott. Positivitätscoaching.“

Lina strahlt. „Ich fang an! Ich mag an Ben, dass er so lustig ist. An Emma, dass sie mir bei den Hausaufgaben hilft. An Lea­, dass sie so leckere Pfannkuchen macht. Und an Papa, dass er mich immer so fest drückt.“

Ben guckt verlegen. „Okay… Ich mag an Lina, dass sie sich traut, laut zu sein. An Emma… dass sie sich meldet, wenn’s mir schlecht geht, auch wenn ich nicht antworte. An Papa, dass er mich nicht komplett aufgibt, obwohl ich nervig bin. Und an Lea, dass sie mich mit dem Esoterik-Kram noch nicht rausgeschmissen hat.“

Alle lachen.


Lea fragt: „Könnt ihr kurz merken, wie es im Körper ist, wenn ihr sowas hört oder sagt? Warm? Kalt? Kribbelig?“

Die Stadt ist ein einziges Klingeln, Surren und Blinken. Menschen mit Tüten drängen sich aneinander vorbei, Straßenmusiker spielen Weihnachtslieder, aus einem Kaufhaus schwappt Jingle Bells heraus.

Lina dreht sich im Kreis. „So viele Lichter!“, ruft sie. „Schau, Papa, da ist ein Stand mit gebrannten Mandeln!“
Jonas blickt gleichzeitig auf Lina und auf sein Handy. Die Liste mit den Geschenken brennt auf dem Display. „Ja, später vielleicht“, murmelt er.

Ben zieht die Nase kraus. „Überall Leute. Überall Lärm. Wieso tun sich das alle freiwillig an?“
Emma läuft neben Lea her und hält sich an ihrem Rucksack fest. „Ich muss noch mit Mama klären, wie wir das am 24. machen“, sagt sie. „Sie will, dass ich länger bleibe.“
Lea nickt. „Willst du nachher in Ruhe telefonieren?“, fragt sie.

Im Bus drückt sich warme Luft an die Menschen, Jacken rascheln, jemand telefoniert laut, ein kleines Kind quengelt. Ben stützt den Kopf ans Fenster. „Ich krieg gleich viereckige Ohren von dem ganzen Gedudel“, murmelt er.


Emma schaut aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter. „Können wir kurz was ausprobieren?“, fragt sie. „Nur kurz.“
„Wenn es nichts mit Singen zu tun hat“, sagt Ben.

„Alle machen mal für einen Moment die Augen zu“, schlägt Emma vor. „Nur hören. Was hört ihr alles?“
„Ich höre das Quietschen vom Bus“, sagt Lina.
„Einen Mann, der sich aufregt“, murmelt Ben.
„Das Tütenrascheln“, Jonas.
„Dein Herz klopfen, wenn du mich gedrückt hast“, sagt Lea leise zu Emma.